TT-Interview zum EFA: „Man wird schon einige Akzente sehen“

Regional, europäisch und international: Der neue Präsident Othmar Karas sieht die Europaregion Tirol als wichtige Partnerin auf Augenhöhe.
Herr Landeshauptmann, steckt im heurigen Europäischen Forum Alpbach wieder mehr Tirol drin?
Landeshauptmann Anton Mattle: Ich habe zuletzt ein Stück weit das Gefühl gehabt, dass das Forum Alpbach eher in Wien stattfindet und weniger in Tirol. Deshalb bin ich sehr dankbar für das Bemühen von Othmar Karas, diese Sichtbarkeit wieder herzustellen. Ich finde es nämlich schon sehr bemerkenswert, dass es neben der Aufbauarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen gegeben hat, die sich bereits 1945 mit der Zukunft Europas beschäftigt haben. Und das hat hier in Tirol bei den ersten Hochschulwochen von August bis September 1945 in Alpbach stattgefunden.
Karas: Ich kann nur unterstreichen, was der Herr Landeshauptmann gesagt hat. Wenn es Alpbach nicht gäbe, müssten wir es erfinden. Denn worunter leiden wir heute? Unter der Gleichzeitigkeit unglaublicher Herausforderungen, der Komplexität und der mangelnden Debatte über die Lösungen und Antworten. In Alpbach geht es vom ersten Tag an genau darum. Interdisziplinär, generationenübergreifend, lösungsorientiert und europäisch nehmen wir uns Zeit für den Dialog.
Mattle: Ich bin froh, dass im Vorjahr die Eröffnung wieder im Dorfzentrum stattgefunden hat. Davor hatte ich schon das Gefühl, dass das Europäische Forum in den Köpfen der Einheimischen nicht mehr so präsent ist. Gelegentlich habe ich von den Alpbachern die Rückmeldung erhalten, dass sie das Forum nur noch in den großen Hotels spüren, aber nicht mehr im Dorf. Vor einem Jahr konnten die Landeshauptleute der Europaregion Tirol wieder ihre Gedanken zu Europa und zum Forum formulieren. Das kommt dann bei den Menschen an. Dass wir das Forum wieder in Alpbach und in Tirol spüren, ist mir ganz ein großes Anliegen. Deshalb auch der niederschwellige Zugang mit dem kostenlosen Eintritt für die viertägigen Euregio-Days, mit denen das Forum Alpbach beginnt. Damit möchten wir den Funken überspringen lassen.
Herr Karas, wo sehen Sie das Forum Alpbach heute?
Karas: Das ist mein erstes Forum als Präsident, man wird schon einige Akzente sehen. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, was die Internationalisierung betrifft – und in der Zusammenarbeit mit der Gemeinde und der Bevölkerung. Aber Alpbach als Standort für das Forum ist ein Teil des Erfolgs – er steht für die besondere Atmosphäre, die einzigartige Umgebung, die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit. Wir sind alle Bürgerinnen und Bürger Europas. Wir haben alle unsere Mitverantwortung am Ganzen. Und die europäische Idee lebt von der Vielfalt und dass man sich miteinander aufmacht, Europa zu gestalten. Niemand darf außen vor bleiben. Es freut mich sehr, dass wir mit der Euregio als Partnerin auf Augenhöhe gemeinsam daran arbeiten.
Mattle: 80 Jahre Forum Alpbach können wir heuer nicht entkoppeln vom Ende des Zweiten Weltkriegs und von der Wiedererrichtung der Demokratie. Das muss im Gedenk- und Jubiläumsjahr 2025 die zentrale Botschaft sein, abseits der Themen von Alpbach. Denn eine Zivilgesellschaft hat es geschafft, Europa wieder aufzubauen und das größte Friedensprojekt zu errichten – die Europäische Union.
Karas: Genau um dieses Europa geht es in Alpbach. Um Zukunftsfragen, die wir heuer in verschiedene Schwerpunkte gegliedert haben – erstens im energiepolitischen Bereich, in dem Europa noch zu sehr von fossilen Energien abhängig ist. Daher ist die Frage der Energieunion und der europäischen Energiepolitik eine ganz entscheidende, auch mit einer Tiroler Dimension, Stichwort Speicherung von Energie. Zum Zweiten geht es um Abhängigkeit in der Sicherheit, konkret um die Sicherheitsunion Europa und die Verteidigung. Zum Dritten haben Probleme in der Finanzierung von Zukunftsaufgaben. In einem vierten Schwerpunkt widmen wir uns Fragen unserer Werte und der Demokratie. Unsere Demokratie steht unter Druck, vor allem auch von innen und nicht immer nur von außen.
Wie sehr ist eine Region wie Tirol in diesem Europa gefordert? Und lassen wir dabei einmal das Transitproblem außen vor.
Mattle: Ich möchte vorausschicken, dass ich ein glühender EU-Befürworter war und es nach wie vor bin. Aber beginnen wir beim Ausschuss der Regionen. Da treffen sich verantwortungstragende Politikerinnen und Politiker mit viel Engagement und am Ende gibt es immer wieder Willenserklärungen, die dann ans Parlament oder an die Kommission weitergeleitet und vielleicht gelegentlich aufgenommen werden. Ich würde mir hier mehr Resonanz wünschen, wir fühlen uns zu wenig gehört und das erschwert uns durchaus die Situation in der Europäischen Union. Außerdem müssten in der EU vereinfachte Mehrheiten möglich sein, abseits der Einstimmigkeit. Letztere ist etwas Hemmendes, die EU muss sich weiterentwickeln.
Karas: Wir spüren, dass wir mit unseren Mechanismen, unseren Ritualen und Strukturen an unsere Grenzen stoßen. Eines sollte uns aber bewusst sein: Die föderal ausgerichteten Mitgliedsstaaten sind in der EU in der Minderheit. Es gibt deshalb nicht unser Verständnis von der Region. Daher müssen wir das zum Thema machen. Die Fragen der Wettbewerbsfähigkeit, Finanzierung, Energie und Sicherheit lassen sich nicht in einer Region oder in einem Land alleine nachhaltig lösen. Aber jeder muss seinen Beitrag leisten. Deshalb benötigen wir gemeinsame Ziele und Vorgehensweisen im politischen Umgang damit. Beim Forum Alpbach stärken wir gerade mit der Euregio die Sichtbarkeit regionaler Perspektiven und verknüpfen sie mit den großen Fragen Europas.
Das Forum Alpbach steht nach wie vor für etwas Elitäres, wie schafft man es, dass noch mehr Menschen davon profitieren?
Mattle: Deshalb ist es mir wichtig, dass wir weite Teile der Bevölkerung mitnehmen. Alpbach soll nicht nur Studierende und Akademiker ansprechen, sondern zum Beispiel auch Meister.
Karas: Hier unterstütze ich den Landeshauptmann, wir wollen das Forum öffnen, auch etwa für Lehrlinge, Handwerker etc. Es ist eine Frage, wie wir das designen und welches Format wir für den Diskurs wählen. Wir haben die Euregio-Days von 16. bis 19. August massiv ausgeweitet, wir laden alle ein teilzunehmen.
Mattle: Mit den Euregio-Days setzen wir jetzt wirklich einen Schwerpunkt zu Beginn des Forums Alpbach. Sie können von Interessierten jeden Alters und mit jeder Ausbildung kostenlos besucht werden. Damit sind wir jetzt ein ganz zentraler Teil des Forums. Von der Region zum Nationalstaat und dann auf die europäische und weltpolitische Ebene – mit dieser Dramaturgie kann ich ganz gut leben.
Karas: Was ich mir über Euregio-Days hinaus wünschen würde, ist die Tiroler Präsenz während des gesamten Forums – nicht nur bei den einzelnen Themen-Blöcken. Etwa von Tiroler Firmen, schließlich geht es auch um Best-Practice-Modelle. Sozusagen um die regionalen Mutmacher. Was mir abschließend aber noch ganz wichtig ist: Alpbach findet nicht nur 14 Tage lang statt. Die 500 StipendiatInnen aus ganz Europa sind danach Botschafter, auf der ganzen Welt gibt es mehr als 30 Alumni-Organisationen in 21 verschiedenen Ländern. Sie führen die Debatten aus Alpbach weiter.
Landeshauptmann Anton Mattle machte kein Hehl daraus, dass das Europäische Forum in den Köpfen der Menschen nicht mehr so präsent war. Gemeinsam mit Othmar Karas soll die Kehrtwende gelingen. |